Savoca auf Sizilien: Die Drehorte von „Der Pate“ und ein Bergdorf mit eigener Geschichte
Die Straße nach Savoca windet sich in engen Kehren vom Meer nach oben. Unten liegt die Küste von Santa Teresa di Riva, oben klebt das Dorf auf einem Felsrücken, gut 300 Meter über dem Meer. Weiter hinein passt kein Auto. Wir parken am Ortsrand und gehen den Rest zu Fuß. Der Stein der Häuser gibt die Wärme des Tages zurück, in den Gassen bleibt die Luft stehen.
Erste Eindrücke in Savoca
Savoca ist klein, und zwar kleiner, als die Statistik vermuten lässt. Die Gemeinde zählt rund 1.750 Einwohner. Die meisten davon leben unten im Tal, in Rina und San Francesco di Paola. Im mittelalterlichen Ortskern, durch den wir gehen, sind es noch etwa hundert.
Hergerichtet für Besucher wirkt trotzdem nichts. Wäsche hängt zwischen den Fassaden, an einer Ecke steht ein Roller ohne Nummernschild, und zwischen zwei Häuserzeilen fällt der Blick immer wieder auf das Ionische Meer weit unten. Es ist ruhig. Ein Laden verkauft T-Shirts und Postkarten, daneben ein paar Schilder zur Filmgeschichte, sonst nichts. Keine Beschallung, keine Stände in Reihe.
Wir waren auf Sizilien in der Gegend um Taormina unterwegs, das nicht weit entfernt liegt. Savoca stand auf der Liste, weil hier 1971 die Sizilien-Szenen aus Francis Ford Coppolas „Der Pate“ gedreht wurden.
Die Drehorte von „Der Pate“ in Savoca
Coppola wollte ursprünglich in Corleone drehen, dem Ort, der der Filmfamilie den Namen gab. Corleone war Anfang der 1970er Jahre aber schon zu modern bebaut, heißt es. Also suchte die Produktion weiter. Savoca und das benachbarte Forza d’Agrò sahen noch aus wie das Sizilien der 1940er Jahre.
Bar Vitelli
Die Bar Vitelli liegt gleich am Ortseingang, im Erdgeschoss des Palazzo Trimarchi. Das Gebäude stammt aus dem 15. Jahrhundert, 1773 wurde es umgebaut und erweitert. Die Patrizierfamilie Trimarchi hatte hier ihren Wohnsitz. Geblieben ist die Fassade, mit steinernen Balkonkonsolen und zwei Portalen.
Hier bittet Michael Corleone den Vater von Apollonia um die Erlaubnis, seine Tochter kennenzulernen. Die Szene mit dem Espresso und der abwartenden Höflichkeit erkennt man auch dann wieder, wenn der Film lange zurückliegt.
Die Bar ist bis heute in Betrieb, und die Einrichtung hat sich seit den Dreharbeiten kaum verändert. An den Wänden Fotos vom Set, dazwischen Auszeichnungen, in einer Nische alte Gerätschaften. Gerahmt daneben ein Zeitungsartikel über Paare, die sich hier nach dem Vorbild des Films trauen lassen.
Wir setzen uns unter das Weinlaub auf die Terrasse, mit Blick ins Tal, und bestellen Cappuccino und ein Cannolo. Auf dem Tischset steht der Name der Bar. Eine Viertelstunde lang passiert nichts weiter.
Chiesa di San Nicolò
Über eine ansteigende Gasse und ein paar Treppen gehen wir hinauf zur Chiesa di San Nicolò. Sie stammt aus dem 13. Jahrhundert, das heutige Erscheinungsbild geht auf einen Umbau im 18. Jahrhundert zurück.
Vor der Kirche entstanden die Außenaufnahmen der Hochzeit von Michael und Apollonia, auf dem Platz, über den das Paar nach der Trauung geht. Hinter der Kirche fällt der Hang steil ab, unten liegen Küste und Meer.
Wer nach der Kirche sucht, stößt auf zwei Namen. Sie wird auch Santa Lucia genannt, und das hat einen konkreten Grund. Die eigentliche Kirche Santa Lucia stand am heutigen Rathausplatz und stürzte im Januar 1880 nach einem Erdrutsch ein. Gerettet wurde wenig, darunter eine silberne Lucia-Statue von 1666. Sie steht seitdem in San Nicolò, zusammen mit weiteren Stücken aus der zerstörten Kirche.
Drinnen ist es deutlich kühler als draußen, der Raum ist klein und nüchtern. An der Wand hängen Aushänge zur Filmszene, auf einem Bildschirm läuft die Hochzeit in Endlosschleife.
Savoca jenseits der Filmkulisse
Chiesa di San Michele
Die Chiesa di San Michele kommt im Film nicht vor und wird entsprechend selten erwähnt. Sie entstand um 1250 als Kirche des Castello Pentefur, der Burg oberhalb des Ortes. In den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts wurde sie erweitert. Aus dieser Zeit stammen die beiden Außenportale im Stil der chiaramontanischen Gotik, die auf Sizilien verbreitet war. 1701 kam eine barocke Ausmalung dazu. Wer weiß, worauf er achten muss, erkennt die drei Phasen am Bau.
Eine Uhr, die rückwärts lief, und 17 Mumien
Zwei Dinge haben wir bei diesem Besuch nicht geschafft. Die Mutterkirche Santa Maria in Cielo Assunta wurde 1130 errichtet und steht seit 1910 unter Denkmalschutz. An ihrem Glockenturm aus dem 16. Jahrhundert lief bis Ende des 19. Jahrhunderts eine Uhr mit nur einem Zeiger, und der drehte sich gegen den Uhrzeigersinn, nach dem System der italienischen Stunde. Es ist die einzige erhaltene Uhr dieser Art in Sizilien und Süditalien.
Unter dem Kapuzinerkloster von 1603 liegt außerdem die Cripta dei Cappuccini, eine Krypta von 14 mal gut 4 Metern mit 17 mumifizierten Verstorbenen, in ihrer Kleidung erhalten. Eine internationale Forschungsgruppe hat sie untersucht: durchweg Männer in höherem Alter, die gut gelebt hatten. Nichts für jeden. Beim nächsten Mal gehen wir trotzdem hin.
Zur Geschichte von Savoca
Savoca ist deutlich älter als seine Filmkarriere. Der Ort entstand im Mittelalter auf dem Bergrücken, weil sich von dort die Küste überblicken und im Ernstfall verteidigen ließ. Über dem Dorf liegen die Reste des Castello Pentefur, das dem Archimandriten von Messina als Sommerresidenz diente und mit den Wachtürmen an der Küste ein zusammenhängendes System bildete.
Savoca war jahrhundertelang ein eigenständiges Zentrum der Region, mit Klöstern der Dominikaner und Kapuziner und mit Patrizierpalästen. Auch eine jüdische Gemeinde gab es, deren Synagoge bereits 1408 urkundlich belegt ist. Die Ruine liegt heute unterhalb des Burgbergs, überwachsen und kaum als solche zu erkennen.
Im 19. Jahrhundert begann der Niedergang. Die Menschen zogen an die Küste oder verließen Sizilien ganz. 1929 verlor Savoca seine Selbstständigkeit als Gemeinde, wurde Santa Teresa di Riva zugeschlagen und bekam sie erst 1948 zurück. Dass der Ort heute überhaupt noch auf Landkarten steht, hat er zu einem guten Teil den drei Wochen Dreharbeiten von 1971 zu verdanken.
Praktische Hinweise
- Savoca liegt südlich von Taormina, die Anfahrt geht über Santa Teresa di Riva und dann in Kehren bergauf. Von Taormina aus mit dem Auto etwa 45 Minuten.
- Für den Ortskern mit Bar Vitelli, beiden Kirchen und dem Weg zum Burgberg reicht ein halber Tag. Wer die Mutterkirche und die Kapuzinergruft dazunimmt, sollte länger einplanen.
- Im Ort gibt es nur wenige Stellplätze am Rand, der historische Kern lässt sich ausschließlich zu Fuß begehen. Festes Schuhwerk ist sinnvoll, es geht durchgehend bergauf und bergab.
- Gut kombinierbar mit Forza d’Agrò, dem zweiten „Der Pate“-Drehort in der Nähe, oder mit dem antiken Theater von Taormina.
- Wer weiter über die Insel fährt: Auch der Fischmarkt von Catania und die Kathedrale von Palermo liegen auf gängigen Routen.
Was von Savoca hängen bleibt
Wer den Film kennt, erkennt vieles wieder: die Bar, die Treppen zur Kirche, den Kirchplatz. Alles kleiner und enger als in der Erinnerung, aber unverändert genug, dass die Szenen sofort wieder da sind.
Ohne den Film bleibt ein sizilianisches Bergdorf mit mittelalterlichem Kern, mit Kirchen aus mehreren Jahrhunderten und einem Blick auf die Küste, für den sich der Weg hinauf lohnt. Für einen halben Tag reicht das gut aus. Wir hätten auch länger bleiben können.
Geblieben ist uns weniger die Filmgeschichte als die Stille in den Gassen. Bei einem Ort, der seit über fünfzig Jahren von einem Mafiafilm lebt, hätte ich damit nicht gerechnet.






























































